Berufsbild: Technische Sterilisationsassistenz

Technische Sterilgutassistenz

Sie sind extrem sauber, besonders gelenkig, maximal gepflegt und oft besonders scharf: Bevor medizinische Instrumente in den OP gelangen, durchlaufen sie ein penibles Spülprogramm.

Mittwoch. Mittags. Haus Gilead I. Ein Patient mit gebrochenem Oberschenkel. Dr. Adrian Komadinic, Oberarzt in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie im Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB), steht mit seinem Team am Operationstisch. Hochkonzentriert. Neben ihm fein aufgereiht eine Vielzahl an Instrumenten. Doch wie kommen die eigentlich hierher? Sie sind aus einem Bereich des Krankenhauses, den Patienten und Besucher nie zu sehen kriegen.

Zeitsprung. Früh am Morgen desselben Tages, zwei Stockwerke unterhalb des OP-Bereichs: Ein Mann fährt einen Rollwagen durch die leeren Gänge des Krankenhauses. Vor einer Schleuse macht er Halt. Eine Frau nimmt den Wagen entgegen und schließt die Tür hinter sich. Es ist Bettina Kay. Sie trägt doppelte Handschuhe, nur mit diesen darf sie die Lieferung berühren. Die 49-Jährige kontrolliert sie ganz genau. Es sind Boxen aus Metall, die sie auf eine Arbeitsplatte stellt und öffnet. Sie blickt auf glänzende Röhren und Stäbe aus Metall – und auf Bereiche, die rot verfärbt sind. Wir befinden uns hier im „unreinen Bereich“ der Zentralen Sterilgutversorgung, kurz ZSVA genannt. Hierhin kommen benutzte Instrumente aus dem Operationssaal, um sie wieder für die nächste OP aufzubereiten.

„Wir sorgen dafür, dass stets sämtliche Arten von Instrumenten in unserem Krankenhaus zur Verfügung stehen. Dazu gehören Instrumente der Chirurgen, aber auch die aus dem Kreißsaal, Beatmungsschläuche der Anästhesisten und Endoskope der Internisten“, erklärt Bettina Romberg. Sie leitet seit 1998 die ZSVA im Haus Gilead I. Etwa 9.000 Sets, jedes mit bis zu 50 Einzelteilen, werden täglich fürs EvKB, das Krankenhaus Mara, aber auch für andere Krankenhäuser aus dem Umland aufbereitet. 18 Personen sind damit befasst. „Mit den immer anspruchsvoller werdenden OP-Methoden sind auch die Instrumente ausgeklügelter geworden, das erfordert komplexere Methoden, um sie zu reinigen, zu desinfizieren und – die Steigerung: zu sterilisieren“, erklärt Bettina Romberg.

Die Entwicklung der modernen OP-Instrumente ist eine eigene Geschichte wert. Wir begnügen uns daher mit einem traditionellen und doch immer noch hochaktuellen Instrument – dem Skalpell. Neben vielen anderen Werkzeugen benötigen die Chirurgen das kleine scharfe Messer für die Stabilisierung des Oberschenkelhalsbruchs. Damit die Chirurgen das Instrument – es gibt im EvKB selbstverständlich nicht nur eines – möglichst bald wieder nutzen können, bereiten die Mitarbeiter in der ZSVA es jetzt in einem hochkomplexen, ausgetüftelten Prozess wieder auf – wie hunderte andere Instrumente.

Das OP-Besteck hat einen Schatten

Bettina Romberg und Bettina Kay stehen gerade am Anfang dieses Prozesses – und vor einem Gerät, das den Schriftzug eines Gütersloher Küchengeräteherstellers trägt und auch auf den zweiten Blick an eine Spülmaschine erinnert. „Es ist aber eine spezielle Reinigungsmaschine für Medizinprodukte“, erklärt Bettina Romberg. „Das Instrument muss garantiert in der Maschine sauber werden und heile bleiben“, ergänzt ihre Kollegin, die vorsichtig die Instrumente zerlegt und auf eine vorgegebene Weise im Spülkorb anordnet. „Es darf kein Spülschatten entstehen, genau wie in der Spülmaschine. Wenn da ein Korb über dem anderen steht, wird einer nicht sauber.“ Deshalb hat jedes der Set-Systeme in der Reinigungsmaschine eine eigene vorgegebene Anordnung – und es gibt mehr als 2.500 unterschiedliche. 

An die Glasfenster der Hochleistungsmaschinen spritzt jetzt schaumiges Wasser, denn scharfe Spülstrahlen aus Reinigungsflüssigkeit haben soeben mit der Dekontamination begonnen. Was wie aus einem Science-Fiction-Film klingt, bedeutet, dass Verunreinigungen entfernt und die Instrumente desinfiziert werden. Anstelle von Spül-Tabs ist hier spezielle Chemie für die Reinigung im Einsatz, die Desinfektion erfolgt durch Hitze.

„Hier dürfen keine Fehler passieren“

Die Reinigungsmaschine ist fertig. Bettina Romberg geht durch eine Schleuse und öffnet die Maschine von der gegenüberliegenden Seite. Sie befindet sich jetzt im „reinen Bereich“. „Hierhin gelangen nur desinfizierte Instrumente. Und hier dürfen keine Fehler passieren“, erklärt sie. Daher ist eine hohe Kompetenz der Mitarbeitenden notwendig. Für das Skalpell und andere desinfizierte OP-Bestecke folgen nun Sichtkontrolle und Funktionsprüfung. Mike Jaouadi hat sich eine große Schere vorgenommen. Mit aller Sorgfalt untersucht er sie und klappt sie auf. Und er entdeckt etwas: Eine Restverschmutzung zeigt sich tief in einem Gelenkspalt. Niemals dürfte die Schere so im OP verwendet werden. Sie bekommt einen weiteren Duschgang. Gut sieht es dagegen mit dem Skalpell aus. Es besteht sowohl die Sichtkontrolle als auch die Funktionsprüfung und wird jetzt in seine Verpackung gelegt. „Mit der Reinigung und Desinfektion wurden sämtliche gefährlichen Keime am Instrument abgetötet“, sagt Bettina Romberg. Es wäre jetzt für eine äußere Anwendung verwendbar. Aber für eine Anwendung im Inneren des Körpers, zum Beispiel während einer Operation, müssen sämtliche Keime besiegt sein. Das gelingt mit der Sterilisation.

Ist die Reinigungsmaschine mit einer Spülmaschine vergleichbar, dann ähnelt der Apparat zur Sterilisation einem Schnellkochtopf – zumindest in seiner Funktion. Unser Skalpell liegt in seiner neuen Verpackung, einer robusten Metallbox. Wer oder was kommt jetzt noch heran? Die Antwort: Wasserdampf. Bettina Romberg schiebt die verschlossene Metallbox in eine Kammer, schließt sie und verfolgt an der Anzeige eines Monitors den Prozess. „Zuerst wird die Luft abgesaugt, dann schießt heißer Wasserdampf in die Kammer.“ Ob Metallbox oder Kunststoffbeutel – alle Verpackungen sind so konstruiert, dass der Wasserdampf eindringen kann. Das heiße Kondensat legt sich jetzt um das Instrument, Temperatur, Druck und Einwirkzeit machen es steril. Jetzt ist es einsatzbereit.

Am Mittag. Der OP-Tisch. Dr. Adrian Komadinic ist noch immer mit der Versorgung seines Patienten beschäftigt, unser Skalpell liegt in greifbarer Nähe. Und eins ist sicher: Das scharfe Werkzeug wird den Kreislauf der Aufbereitung in der ZSVA noch heute erneut durchlaufen. Denn es wird nicht der letzte Oberschenkelknochenbruch sein, bei dem es zum Einsatz kommt.

 

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