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Karriere-Blog

„ETHIK BRAUCHT EIN GESICHT“

Tanja Kirchner

Name:Tanja Kirchner
 
Das mache ich im EvKB:Leiterin der Stabstelle für Klinische Ethik und Vorsitzende des Ethikkomitees vom EvKB und Krankenhaus Mara
 
Das habe ich gelernt:Von Haus aus Gesundheitswissenschaftlerin mit einem Studium in Medizin-Ethik-Recht
 
Das Beste an meinem Job ist:Die Arbeit mit Menschen, bei der man Kopf, Herz und Haltung braucht
 
Das EvKB als Arbeitgeber ist:Ein Ort, an dem berufsgruppenübergreifend zusammengearbeitet wird. Das geschieht innovativ und wertefokussiert.
 
Das möchte ich meinen Kolleginnen und Kollegen gerne sagen:Es ist großartig, wie ihr Herausforderungen mit viel Menschlichkeit meistert! Insbesondere danke ich meinem tollen Haupt- und Ehrenamt-Team. Ihr seid jeden Tag für die Kolleginnen, Kollegen, Patientinnen und Patienten im Einsatz. Das schätze ich sehr.
 

Interview

Frau Kirchner, was versteht man unter klinischer Ethik?

Klinische Ethik ist ein Unterstützungsangebot für Patientinnen und Patienten, aber auch für Angehörige und Behandlungsteams. Es geht nicht darum, Entscheidungen abzunehmen, sondern gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden – im Sinne der Betroffenen. Entspricht eine bestimmte Behandlung dem Wunsch des Patienten oder der Patientin? Solche und ähnliche Fragestellungen kennen wir vor allem von der Intensivstation. Häufig haben wir aber auch Anfragen zu Menschen mit psychischen Erkrankungen, bei denen es etwa um die Zumutbarkeit und den Nutzen einer möglichen Zwangsbehandlung gehen kann. Das sind existenzielle Themen, die man nur mit großem Respekt vor dem Leben, mit Besonnenheit, einem hohen Grad an Professionalität und dem Interesse an individuellen Lebensgeschichten angehen kann.
 

Könnten Sie das an einem Praxisbeispiel erklären?

Ein klassisches Beispiel ist die künstliche Ernährung. Für manche ist sie eine Übergangslösung, andere bleiben dauerhaft darauf angewiesen. Gerade Angehörige von Menschen mit Demenzerkrankungen ringen sehr mit dieser Thematik. Das ist immer eine Frage der Prognose und des Patientenwillens: Gibt es die Aussicht auf Stabilisierung und Rückkehr in ein Leben, welches der Patient für sich bejahen würde? Der Vorteil hier ist, dass man oft Zeit hat, zu überlegen. Anders ist es bei Entscheidungen über Intubation oder Beatmung: Da muss sehr zügig entschieden und gehandelt werden, im Zweifel immer für das Leben. Angenommen es kommt jemand ohne Informationen in die Notaufnahme, muss zunächst alles getan werden, was medizinisch indiziert ist, um das Leben zu retten. Im weiteren Verlauf sieht das dann anders aus: Dort können wir zu dem mutmaßlichen Willen oder wenn es eine Patientenverfügung gibt, ins Gespräch gehen – manchmal auch im Rahmen eines Ethik-Konsils mit Angehörigen und Behandlungsteams. Auch Menschen aus Einrichtungen, die den Patienten oder die Patientin gut kennen, kommen ins Krankenhaus und ergänzen Perspektiven. Hier ist die Vielfalt der unterstützenden und begleitenden Angebote in Bethel spürbar und von großem Wert.
 

Wie sieht Ihre Arbeit im Alltag aus? 

Wir bieten Ethik-Konsile quasi auf Abruf, manchmal noch am gleichen Tag, manchmal mit Vorlauf.  Flankierend führen wir Ethik-Visiten auf bestimmten Stationen durch. So sind wir mit ‚einem Gesicht‘ vor Ort. Ich finde, Ethik braucht ein Gesicht – sie muss sichtbar und erlebbar sein, um im Klinikalltag wirksam zu werden. Gleichzeitig gibt es viel Gremienarbeit, Dokumentation und Lehrtätigkeit. Ich bin auch als Mitglied der stiftungsübergreifenden Ethikkommission der vBS Bethel tätig. Zudem engagiere ich mich in der Ethikkommission Westfalen-Lippe, in der es um die Begutachtung von Forschungsprojekten geht.
 

Wer sind die Menschen, mit denen Sie ins Gespräch gehen?

Vor allem mit Ärztinnen, Ärzten und Pflegenden, Seelsorgerinnen und Seelsorgern, aber auch mit dem Team der Musik- oder Ergotherapie, gerade auf der Kinderintensivstation. Diese ergänzenden Perspektiven sind sehr bereichernd. Gerade weil es besonders bei unseren jungen Patientinnen und Patienten für alle Beteiligten sehr herausfordernd sein kann, Empfehlungen auszusprechen. Es ist mir wichtig zu betonen, dass es unser Ziel ist, den Weg für Entscheidungen zu bereiten, aber sie nicht abzunehmen. Wir helfen zur Selbsthilfe, indem wir Optionen und Abwägungen sichtbar machen. Der Vorteil ist, dass wir nicht Teil der direkten Behandlung sind, dadurch neutral moderieren können und so auch die Möglichkeit haben, kritische Fragen zu stellen. Das ist ein großer Vorteil im Vergleich zu jemandem, der mit Patientinnen und Patienten bereits durch Höhen und Tiefen gegangen ist. Zudem ist es wichtig, dass Seelsorge und andere Dienste begleiten – wir tauschen uns diesbezüglich kontinuierlich aus, sodass wir uns sehr gut ergänzen.
 

Sie sind in mehreren Ethikgremien aktiv. Was versteht man darunter?

Ja, ich bin Vorsitzende des Ethikkomitees hier im Haus, also für das EvKB und Krankenhaus Mara. Dort sprechen wir über übergeordnete ethische Themen, etwa den Umgang mit Zwang oder die Erstellung von Therapieumfangsbögen. Wir können dafür von der Geschäftsführung beauftragt werden, aber auch eigene Themen einbringen. In Bethel bin ich auch Mitglied der Ethikkommission. Dort geht es um Themen, die das Leben in den verschiedenen Stiftungsbereichen betreffen – zum Beispiel, wie wir uns im Bereich „Leben bis zuletzt“ aufstellen.
 

Das klingt nach einem sehr spannenden Job. Was begeistert Sie besonders daran?

Ich glaube, ich bin von Natur aus neugierig und habe große Freude an Gesprächen mit Menschen – Kommunikationsstärke hilft hier natürlich sehr. Besonders spannend finde ich, dass Ethik so viele Randbereiche hat: Recht, Medizin, Pflege, Innovation, KI. Überall finden sich ethische Fragestellungen und genau dieses breite Spektrum macht es so interessant. 

Das Privileg, diese Arbeit auch mit einer diakonischen Identität ausgestalten zu können, ist für mich ein großer Gewinn. Ethik muss dabei offen bleiben für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen – aber für unser Haus, für die gemeinsame Wertegestaltung und im Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen ist das unheimlich wichtig.
 

Seit wann gibt es die Klinische Ethik am EvKB und Krankenhaus Mara?

Seit 2005. Wir waren eines der ersten Krankenhäuser in Deutschland, die eine hauptamtliche Klinische Ethik eingeführt haben. Ich selbst bin 2012 dazugekommen. Ich hatte hier ein Jahr vorher mein Praktikum gemacht und habe gemerkt: „Das ist genau das, was ich machen möchte.“ Heute sind wir ein kleines Team aus Pflege, Medizin und Ehrenamtlichen. Die Ehrenamtlichen unterstützen uns bei Moderationen und bringen wertvolle Außenperspektiven ein. Das hilft uns, nicht im eigenen Saft zu schwimmen. In diesem Kontext ist auch die Vor- und Nachbesprechung unheimlich wichtig, für die Qualität unserer Arbeit, und auch für die eigene Selbstfürsorge. Wir werden genau in den Momenten gerufen, wenn irgendwas herausfordernd ist. Es ist sehr befriedigend, auch in solchen Situationen, in denen es beispielsweise um den Abschied von einem Menschen geht, positive Rückmeldungen, beispielsweise von Angehörigen, zu bekommen. Das bewegt mich sehr.
 

Was macht das EvKB und das Krankenhaus Mara für Sie als Arbeitgeber aus?

Ich schätze es, den großen Herausforderungen mit Menschlichkeit zu begegnen“, und zwar ganz unabhängig von der Hierarchieebene. Dass wir stark darin sind, gemeinsam darum zu ringen, damit etwas Gutes dabei herauskommt. Nicht nur im Ethik-Konsil, sondern auch im gemeinsamen Austausch. Wir stellen uns auch neuen Entwicklungen, wie dem Thema KI. Aber wichtig ist, dass diese im Dienst des Menschen bleibt und nicht umgekehrt.
 

Und privat – wie finden Sie Ausgleich?

Ich glaube, ich kann die Themen ganz gut im Klinikum lassen, eben weil wir ein tolles Team haben und da sehr aufeinander achten. Ich habe Mann, Kind und Hund, bin gerne draußen, mache Sport – ich komme aus dem Kampfsport. Mit meiner Tochter die Welt neu zu entdecken, ist ein Geschenk.
 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass wir eine Sprachfähigkeit zur Ethik entwickeln, besonders bei jungen Menschen – Auszubildenden und Medizinstudierenden. Sie sind neugierig, bringen große Fragen mit, und diese Fragen brauchen Raum. Wenn wir es schaffen, sie dauerhaft für Ethik zu begeistern, dann haben wir für die Zukunft viel erreicht. Das EvKB und Krankenhaus Mara als Universitätsklinikum bieten jungen Menschen dabei großartige Chancen, Einblicke in die praktische Ethik zu erhalten – beispielsweise, wenn ich in die Lehrveranstaltungen komme. Daran knüpfen sich wiederum weitere Kooperationen oder Konstellationen, möglicherweise auch mit Blick auf die Promotion zu einem medizinethischen Thema oder der Auseinandersetzung mit Forschungsfragen zu klinischer Ethik an. Denn am Ende des Tages können wir nur durch diesen kontinuierlichen Austausch und die gemeinsame Reflexion besser werden, in dem, was wir tun.

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